Anästhesie – Tag I

Mein erster Arbeitstag in der Anästhesie begann mit der Frühbesprechung der Ärzte im Besprechungsraum auf der Intensivstation. Nach der Vorstellung meiner Wenigkeit und der Festlegung wer nun in welchen Op gehen würde folgte eine kurze Fortbildung der Mitarbeiter. Ein Arzt – der einen grässlichen Pullunder trug, ich nenne ihn mal Dr. P. – hielt einen etwa 20 Minütigen wenig bis mäßig interessanten Vortrag über Komplikationen beim Einsatz von Lokalanästhetika. Anscheinend hält sich Dr. P. für einen großartigen Stand-up Komiker, denn er streute laufend witzig gemeinte Bemerungen in seinen Redefluss ein. Darunter so Brülller wie: “[...] und die Nervzelle nimmt nun die ungeladenen Moleküle auf, man beachte das Wortspiel”. Zum Glück für meine Nerven ging der Vortrag nicht zu lange und Dr. P. hat immerhin nicht selbst über seine Witze gelacht…

Nach der Fortbildung ging es zusammen mit den Ärzten in den Op, wobei uns schon in der Umkleide eine schlechte gute Neuigkeit ereilte: Offenbar gab es zu wenig Pflegekräfte in der Anästhesie, sodass der Anästhesist im Handchirurgischen Op wohl ohne Pflegepersonal auskommen musste. Nun begab es sich, dass ich vor über zwei Jahren schon einmal ein Praktikum in der Anästhesie (damals in der Pflege) gemacht hatte, daher wurde ich mit in diesen OP gesteckt. Also gings rein, ich hab mir erstmal einen Überblick verschafft und gesehen das zum Glück schon eine gute Seele den großteil der Vorbereitungen erledigt hatte. Ich stellte mich dann dem sichtlich erfahrenen Arzt – ich nenne ihn mal Dr. E – vor und fast zeitgleich traf der erste Patient ein.

Nun muss man sich vor Augen führen, dass die Handchirurgie sehr spezielle Anforderungen an die Anästhesie stellt – gleichzeitig aber auch viele Möglichkeiten bietet. Da die operativen Eingriffe der Handchirurgen sich Hauptsächlich an Hand und Unterarm abspielen bieten sich hervorragende Chancen für Regionalanästhesien wie der Plexus brachialis Blockade. Allerdings benötigen viele handchirurgische Eingriffe im Gegensatz zu einer Plexusblockade nur wenig Zeit, sodass man unter großem Zeitdruck steht. Schließlich möchte man die Wechselzeiten einerseits und andererseits die Wartezeiten für die Patienten möglichst kurz halten. Leider gibt es nun bei der Plexusblockade nicht sonderlich viel für einen Famulanten zu tun, man kann den Patienten zwar verkabeln und mit einer Infusion versorgen und das Narkoseprotokoll ausfüllen. Denn von so einer Nervenblockade trennen einen Famulanten noch Welten.

Auf dem Programm standen heute zum Glück nicht allzuviele Operationen, die ersten beiden waren Plexusblockaden und liefen ziemlich problemlos. Anschließend folgte eine Kurznarkose mit einer Larynxmaske, da kann man als Famulant dann immerhin mal Medikamente auf Anweisung spritzen… Weil Dr. E. die Patienten möglichst wenig belasten will, bestand die Narkose praktisch gesehen nur aus etwas Fentanyl, einem Schuss Propofol und ganz wenig Sevofluran über die Larynxmaske. Der Patient hat assistiert geatmet und alles lief gut. Die nächste Op war als Plexusblockade geplant, doch das klappte nicht ganz so wie geplant.

So eine Plexusblockade funktioniert dadurch, dass der Anästhesist ein Lokalanästhetikm quasi in die Achsel spritzt. Denn dort verläuft ein Nervengeflecht das für den gesamten Arm zuständig ist, wenn man diese Nerven nun durch das Lokalanästhetikum blockiert spürt der Patient während der Operation nichts. Leider kann es je nach Konstitution des Patienten, oder Fähigkeiten des Arztes einen mal mehr oder weniger großen Anteil der Nerven erwischen. Das liegt ganz einfach daran, dass man nicht immer genau vorhersagen kann wie groß der Teil des Geflechts ist um den man das Lokalanästhetikum in das Gewebe gespritzt hat. Im klinischen Alltag sagt man das ein Plexus “sitzt”, wenn die Reizleitung von allen Nerven am Arm unterbrochen ist.

Und dieser Plexus saß eben nicht. Also entschied sich Dr. E. für eine Kurznarkose mit Larynxmakse. Nach einer kurzen Einleitung mit Propofol haben wir den Patienten perioperativ mit ein wenig Sevofluran versorgt während er weiter spontan atmen konnte. Als das Ende der Op näher rückte hat Dr. E. das Sevofluran abgedreht und darauf gewartet das der Patient wieder erwachen würde. Leider lief das Erwachen schneller als gedacht und der Patient machte Anstalten selbstständig zur Station zurück zu laufend – während die Hautnaht noch nicht wirklich komplett war. Also beschloss Dr. E. er würde dem Patienten gerne noch etwas Propofol angedeien lassen, leider war keins mehr aufgezogen. Er sagte mir ich sollte das eben mal machen, woraufhin ich eine frische Ampulle aus der Schublade nahm und aufbrechen wollte. Doch die Ampulle wollte nicht so wie ich…

Sie zerbrach anders als erwartet und ein Teil der Schnittkante bohrte sich in die Außenseite eines Fingergelenks – für die Ärzte unter euch: dorsal am PIP. Der Schnitt war relativ tief und blutete stark. Ich zog eben schnell das Propofol in eine Spritze auf und drückte sie Dr. E. in die Hand. Anschließend lief ich raus und spülte die Wunde mit viel Desinfektionsmittel, gemessen an dem Schmerz den ich dann verspürte musste die Wunde gigantisch gewesen sein. Außerdem so stellte ich fest machte der starke Blutfluss nur wenig anstalten zeitnah zu versiegen, also nahm ich mir einen Stapel Kompressen und legte mir einen improvisierten Durckverband an. Ich meldete mich kurz bei Dr. E. ab und ging dann runter in die Notaufnahme.

Dort ging ich in den Aufenthaltsraum und erklärte was mir passiert war, das sorgte zunächst erstmal für eine gewisse Erheiterung bei den Anwesenden. Wer könnte es ihnen verübeln? Passiert ist sowas wohl allen schonmal, ich hatte nur das Pech eine blöde Stelle zu erwischen. Der ganze Vorgang wurde aufgenommen von einer Schreibkaft, anschließend hat mich eine sehr nette Ärztin mitgenommen in einen der vielen Untersuchungsräume. Sie schaute sich die Wunde an und lies mich den Finger bewegen und kam zu dem entschluss das ich wohl nochmal glück gehabt hätte und die Strecksehnen nicht in mitleidenschaft gezogen wären. Sie legte mir einen sehr kunstvollen Druckverband an, da die Wunde nach wie vor relativ stark blutete. Anschließend fragte sie mich nach meinem Tetanus-Impfstatus, da ich dazu nicht viel mehr sagen konnte als das die letzte Impfung wohl ziemlich lange her war entschied sie, dass ich noch eine simultane Immunisierung benötigen würde. Also erhielt ich einmal in den rechten und einmal in den linken Oberarm eine kleine Injektion und konnte dann zurück in den Op gehen.

Natürlich kann man einem Verband wie ich ihn gekriegt habe nicht mehr im Op arbeiten, weil ich damit nicht einmal grundlegende Hygienemaßnahmen durchführen kann. Also meldete ich mich beim Chefarzt und Dr. E. ab und ging anschließend nach Hause.

Und das war mein erster Tag, mal schauen wie es weitergeht.

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.