Anästhesie – Tag XII

Ein Patient mittleren Alters kam gestern zu uns auf die Intensivstation. Er klagte seit über einem halben Jahr über diffuse Schmerzen im Abdomen, die intermittierende auftraten. Jedoch konnte bei diversen Ärzten keine organische Ursache gefunden werden. Während eines Urlaubs im Ausland hatte sich die Symptomatik verstärkt, woraufhin der Patient ging dort in ein Krankenhaus ging. Doch auch dort konnte zunächst keine Ursache gefunden werden.

Der Patient blieb weiterhin im Ausland und führte seinen Urlaub fort. Doch die Schmerzen kamen wieder, wesentlich stärkter als jemals zuvor. Sodass der Patient nun vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht wurde und diesmal wurden die Ärzte bei der Suche nach einer Ursache fündig: Ein Infarkt der A. mesenterica superior. Da der Patient offenbar eine Peritonitis entwickelte und vom Allgemeinzustand her deutlich reduziert war kam es erst mit gewisser verzögerung zu einer Operation. Dabei wurde der Großteil des Dünndarms entfernt, doch auch nach der Operation besserte sich der allgemeine Zustand des Patienten nur wenig. Immerhin: Am Montag konnte der Patient per Flugzeug und Hubschrauber zu uns verlegt werden um wohnortnah weiterbehandelt zu werden.

Im Laufe der letzten Nacht begann der Patient nun eine Sepsis zu entwickeln. Also beschlossen die Chirurgen, einen Blick in das Abdomen zu werfen, denn sie vermuteten eine Perforation des Restdarms. Allerdings war der Patient kaum in der Lage die Narkose zu überstehen. Die gesamte Kreislaufsituation war äußerst istabil und auch die Atmung war nicht wirklich prickelnd. Aber irgendwann kam man dann doch zu der Überzeugung, dass die Operation das Risiko wert ist.

Und ich war nun in der glücklichen Situation die Operation von anästhesiologischer Seite aus mitbetreuen zu dürfen. Es war für mich – wie auch schon das akute Abdomen – ein lehrreicher Fall. Denn es war einiger Aufwand nötig, den Patienten im Diesseits zu halten und dafür haben wir praktisch alle Register der Anästhesiologie gezückt. Es gab diverse Katheter, Sonden und Schläuche die wir in dem Patienten versenkt haben. Zahlreiche Messinstrumente die wir zur Überwachung am Patienten angebracht haben. Viele Untersuchungen die wir Während der Narkose durchgeführt haben, um die Beatmung möglichst zufriedenstellend einzustellen. Zwischenzeitlich war der Patient auf dem besten Weg ins Kammerflimmern, sodass wir sogar den Defibrillator bereit gemacht haben.

Leider konnten die Chirurgen keine eindeutige Ursache für die Sepsis finden, obwohl sie neue Nekrosen und mehrere Fisteln gefunden haben. Sie entfernten, alles was sie problematisch fanden und verschlossen das Abdomen nur temporär mit einem Vacuseal-Verband. Da die Gesamtsituation des Patienten nur wenig befriedigend war, blieb der Patient analgosediert und beatmet und wurde auf die Intensivstation zurückverlegt.

Für morgen ist eine Lavage des Abdomens geplant, falls der Patient dann noch lebt. Frustrierend, die Grenzen der Medizin zu sehen.

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